Universal Tellerwäscher

Ich war gestern beim Jobcenter. Mal so vorsorglich. Dem vorausgegangen war ein längerer Meinungsbildungsprozess, da spielt halt vieles rein.

Da gibt es das Gefühl, dass es ein persönliches Scheitern ist, dort vorstellig zu werden. Ich habe falsche Entscheidungen getroffen im Leben und daher bin ich jetzt hier angekommen, irgendwie unten. Und auch als jemand, der sich nicht vom öffentlichen Bashing der Hartz-IV-Empfänger anstecken lassen will und stattdessen solidarisch sein und überall den Mensch zuerst sehen will: Da kommt dann doch wieder das innere Arschloch, dass sich nicht wohl damit fühlt, auf eine Art und Weise Teil dieser Anderen zu werden.

Scheitern, auch vermeintliches, bringt auch immer Schamgefühle mit sich. Wenn man irgendwie daran gewöhnt ist, Herr über Selbstdarstellung und Privilegien zu sein, zwickt es immer, wenn dieser Selbstsicht eine Delle hinzugefügt wird. Oh, ich habe ja doch sowas wie Stolz.

Dann gibt es noch die andere Stimme, die sagt, dass es doch auch ein Recht auf Scheitern gibt. Und dass es auch wieder Karmapunkte gibt, wenn man sich nicht der Selbstausbeutung und den Anforderungen der Marktwirtschaft anbiedert. Unten, das ist doch auch der Underground. Wenn es nur zwei Seiten gibt, die da oben und die da unten, wo wäre ich lieber mit dabei? Na klar.

Außerdem, meldet sich dann noch so ein Gedanke, machen es doch alle. Punk-Attitüde. Und wenn nicht, dann doch mindestens mein gutes Recht, dafür lebe ich doch in einem Staat, der (auf dem Papier) niemanden zurücklässt. Für genau diese Momente gibt es doch die Gesetze und Systeme, auf die ich mich verlassen kann, also muss ich mich dafür nicht rechtfertigen.

Und das mit dem Nackigmachen vor dem Staat? Alles wollen die wissen, sagt man mir. Bürokratielawinen, Einbruch in die Privatsphäre, Machtspiele, Zermürbung. Gar nicht so schlimm, sagt mir jemand anderes. Als Inhaber aller anderen Privilegien außer einem Job habe man gar keinen Stress da, die Angestellten freuen sich ja über solche Kunden regelrecht. Ja… toll?

Zu guter Letzt: So viel Nachdenken über eine vorsorgliche Zwischenlösung? Der Plan ist ja nicht, ab sofort mein Leben einzustellen und sich auf Geld vom Staat zu freuen. In (relativer) Ruhe einen Job zu finden, ohne zeitgleich Streß mit dem Vermieter zu bekommen, das ist doch eigentlich alles, was ich will.


Und jetzt in echt? Kaum gewartet, eine Stunde drin gewesen für drei Stationen (Info, Aufnahme, Jobvermittlung). Ein junger Mann mit Black-Flag-Shirt in der Info, eine freundliche Mitarbeiterin an der zweiten Station, die merkbar streßfreiere 20 Minuten mit mir hatte als ihre Kolleginnen an den anderen Schreibtischen im Raum. Ich bekomme ca. 1 toten Baum in Form von Formularen und soll in drei Wochen wiederkommen.

Dann noch hoch zur Arbeitsvermittlerin. Total nette junge Frau. Verkumpelung gegen bürokratischen Irrsinn. Ich bekomme ein Profil angelegt. Ungefragt bekomme ich gleich ein Passwort, um von Zuhause mein Profil bearbeiten zu können. Sie sagt „fordern und fördern“, mit Gänsefüßchen in der Luft und Augenrollen über eine Politik solcher Slogans.

Ich glaube, ich bin der Falsche, um über all das zu schreiben. Für mich und Leute wie mich ist das wirklich ein Verwaltungsakt. Ich kenne die Codes, ich bin nicht so leicht zu unterdrücken. Mich werden sie immer nett behandeln.

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2 Kommentare zu Universal Tellerwäscher

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