Alles vergeht

Mein Zeitempfinden ist irgendwie hinüber. Ich weiß nicht, ob das eine jüngere Entwicklung ist oder schon immer so war; um das zu ergründen, müsste ich ein besseres Zeitempfinden haben.

Ich habe immer noch das Gefühl, ich wäre gerade erst eingezogen. Dabei bin ich jetzt seit 10 Monaten in meiner neuen Wohnung. Ich glaube, das liegt daran, dass mein Gehirn öde Erinnerungen gleich fallenlässt, also insbesondere den gesamten Winter, sobald dieser vorbei ist.

Das Gefühl kenne ich von langen Autofahrten. Stundenlang nur die Leitplanke, die Autobahn zieht sich. Es kommt mir so unerträglich lange vor. Sobald ich aber angekommen bin, habe ich das sofort gelöscht. In meinem Kopf bin ich irgendwie losgefahren und dann gleich angekommen; irgendwie fehlen nur ein paar Stunden.

Vielleicht ist das ja so wie bei der Kompression von GIF-Bildern: Die sparen ja Platz, weil in der Datei nicht 400 Mal hintereinander steht „rot, rot, rot…“, sondern einfach: „jetzt kommen 400 rote Pixel“. Genauso wird aus den fünf Stunden Autobahnfilm ein einzelnes Bild.

Ich habe natürlich nicht den gesamten Winter (und Herbst davor) vergessen. Das wäre auch schade, denn es sind tolle, flauschige Dinge passiert. (Hach.) Nur der Leerlauf zwischen diesen Ereignissen, der ist nicht aktiv gespeichert. Auch: Vier Monate an einem Projekt gesessen, währenddessen das Gefühl, im Burgfried eingemauert zu sein – inzwischen schon vergessen.

Und daher fühlen sich vergangene Ereignisse auch immer gleichzeitig extrem lange her und gerade erst passiert an. Gestern habe ich entdeckt, dass eine Veranstaltung, bei der ich eine Freundin in Berlin getroffen habe, jetzt sechs Jahre her ist. Und es fühlt sich so an, als wäre das ewig her, ein anderes Leben; und gleichzeitig aber auch, als wäre es vielleicht eher nur anderthalb Jahre her.

Was auch verloren geht, ist das Verhältnis zwischen mehreren Ereignissen in der Vergangenheit. Der Termin der oben genannten Veranstaltung sagte mir erst einmal nichts, nachdem ich ihn herausgesucht hatte. Das Ereignis hing einfach so in der diffusen Vergangenheit herum, Anfang 2006.

Einen Tag später merkte ich: Oh, das war ja nur zwei Tage nach einem anderen Termin, der sehr entscheidend für mein Leben war – ich lernte nämlich meine zukünftige Partnerin der nächsten fünf Jahre kennen.

Damit ließ sich dieses „andere Leben“, in dem ich mich ggf. im zeitlichen Umfeld dieser Veranstaltung befunden habe, auf einmal viel deutlicher in einen zeitlichen, da emotionalen Kontext setzen. Und es fühlt sich irgendwie komisch an, wenn zwei Dinge, die diffus einfach nur „früher“ passiert sind, sich auf einmal als am selben Wochenende geschehen herausstellen.


In meiner Vergangenheit habe ich in letzter Zeit länger gegraben; um einen Lebenslauf zu schreiben, musste ich erst mal nachvollziehen, was ich so alles gemacht habe und wann. Das habe ich mir nämlich nie konsequent aufgeschrieben. Aber ich habe gebloggt, privat und thematisch; ich kann mich an Veranstaltungen erinnern, deren Termine sich bei Google noch finden lassen und für die letzten Jahre gibt es auch einen digitalen Kalender.

Und so kommt bei der Recherche immer mehr zusammen, das ich schon fast vergessen hatte. Und das sind nur die Dinge, die digitale Spuren hinterlassen haben und so auffindbar werden.

Dazu natürlich das Gefühl, dass sich alles beschleunigt; so wie es auch unserem Empfinden von Geschichte und Geschichtsschreibung entspricht: Aus den Milliarden Jahren (Universum, Sonnensystem, Erde!) springt man in die Millionen (Dinosaurier, Menschen!), dann in die Jahrhunderte (Zivilisationen, Religionen!); die letzten 100 Jahre werden dann schon in Jahrzehnten gemessen (Krieg, Entdeckungen, Katastrophen!) und mittlerweile ist der alte Kram ja nicht mehr nur „irgendwie so 2009“ sondern eher „irgendwie so Januar“.

Vielleicht ist mein Zeitempfinden daher auch gar nicht kaputt, sondern einfach nur so, wie es sein sollte. Man kann halt nicht alles behalten. Je weiter ein Zeitraum in der Vergangenheit verschwindet, desto mehr wird er zur persönlichen Epoche, die einige (be)merkenswerte Ereignisse enthält. Wie bei der Geschichtsschreibung bleibt das übrig und im Gedächtnis, was Folgen hatte und damit Teil der Biografie wurde. Der Rest, also die Fehltritte ohne Konsequenzen und das alltägliche Gewusel verblassen.

Bonustrack: Seit einiger Zeit lasse ich mir von timehop zuschicken, was ich an diesem Tag vor einem Jahr für Spuren hinterlassen habe. Das sorgt jeden Morgen für ein kurzes „Ah!“ – mit der üblichen Mischung aus „oh, schon so lange her?“ und „oh, erst vor einem Jahr?“. Ob es Einfluss auf den Erinnerungsprozess hat, kann ich (noch) nicht sagen.

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