Ich muss gerade spontan an das Jahr 1999 denken. Das liegt daran, dass ich gerade die B-Seiten-Compilation Format der Pet Shop Boys höre, die diese Woche erschienen ist und die ich mir heute Mittag online gekauft habe. Darauf ist nämlich die B-Seite Casting a shadow, ein Song, der von der Band für die BBC als akustische Untermalung zur Sonnenfinsternis am 11. August 1999 geschrieben wurde. Damals waren ja alle im Sofi-Fieber, es gab diese Brillen und all das.
Die Sofi im Sommer 1999 markierte auch in etwa das Ende meiner ersten Beziehung, die nur diesen Sommer lang hielt und in meine Zeit zwischen Abitur und Zivildienst-Beginn fiel. Ich erinnere mich an mein Auto, einen hellroten R4, den ich seit Sommer 1998 fuhr, weil er nur 900 DM gekostet hatte und meine Mutter ihn unbedingt kaufen wollte. Ich glaube, ihr erster Freund (oder jemand, den sie in den 70ern toll fand) hatte genau so ein Auto gehabt.
In diesem Auto hatte ich Anfang Juni meine Kollegin aus dem Schwimmbad nach ihrem Abiturbesäufnis in der Nachbarstadt nach Hause gefahren und lange mit ihr herumgelegen und geredet. Kurze Zeit später, nach der richtigen Abiparty ihrer und meiner Schule, fuhr sie mich heim und wir küssten uns sehr lange in der Küche meiner Eltern. Das war am Morgen des ersten Tags der Sommerferien, auch wenn es eigentlich nicht mehr unsere Ferien waren, wir waren ja fertig mit der Schule.
In diesem Auto, das meine Mitschüler eher lächerlich fanden, weil sie zum Führerschein von ihren Eltern neue Kleinwagen bekommen hatten, fuhren wir auch kurze Zeit später umher, als im Radio die neue Single der Pet Shop Boys lief, I Don’t Know What You Want But I Can’t Give It Any More, und ich begeistert lauter drehte. Die Pet Shop Boys waren in der öffentlichen Wahrnehmung ähnlich uncool wie mein Auto, aber das war mir egal.
Und es war ein toller Sommer. Es war heiß und wir lagen in den Gärten unserer Eltern herum, fuhren einmal nach Norddeutschland zu ihren Großeltern, waren sogar einen Nachmittag in Hamburg. Es war so heiß, dass ich bis heute nicht weiß, wo in der Stadt ich war, ich habe bis heute dort nichts wieder erkannt. Ich glaube, wir saßen nur im Schatten herum, tranken etwas und sind dann wieder gefahren.
Fast hätte ich in dieser Zeit auch ein anderes Auto gekauft. Einen VW Scirocco II. Silber. Das Auto, dass ich haben wollte, seitdem ich als Kind Zurück in die Zukunft gesehen hatte. In Deutschland gab es halt nichts, das einem DeLorean so ähnlich sah. Auf dem Weg zur Grundschule, damals, stand immer ein goldfarbener herum, mit diesem breiten Schriftzug SCIROCCO auf der Heckscheibe.
1500 DM sollte er kosten, aber nachdem wir kurz nachgesehen hatten, was da an Steuern und Versicherung fällig wird und was für einen Benzinverbrauch auf mich zukommen würde, beließ ich es bei einer Probefahrt. Schade, denn sie und ich hatten uns schon ausgemalt, was wir für lustige Rollenspiele mit den zwei sehr unterschiedlichen Autos machen könnten. Irgendwas mit Verkleiden, ich im uncoolen R4 und sie im coolen Scirocco, oder irgendwas mit klassischer Musik auf voller Lautstärke, während man mit dem Auto am Samstagabend im Schritttempo an der Großraumdisko vorbeifährt. Alles nicht passiert.
Also blieb es bei dem roten, kleinen knubbligen Auto. Es hatte sogar einen CD-Player: Ich hatte das ausrangierte 4-fach CD-Laufwerk meines Computers (mit Play-Taste, das war der Clou) unter das Autoradio gebaut. Der R4 hatte eh keinen Schacht für ein Autoradio, nur eine nachträglich eingebaute Mittelkonsole aus mit Kunststoff überzogenem Preßspan. Die war ziemlich kaputt, also baute ich sie aus Sperrholz nach, aber so, dass ein Autoradio und besagtes CD-Laufwerk hineinpassten. In der lokalen Mailbox, in die man sich per Modem einwählte, ließ ich mir im Technik-Brett eine Schaltung erklären, wie ich die benötigten 5 Volt im Auto erzeugen konnte. Die Konsole wurde schwarz lackiert. Für das computergraue CD-Laufwerk hatte ich nur noch goldenen Modelllack übrig. Egal. Ich hatte ein uncooles Auto mit einem goldenen CD-Player. Selbstgemacht.
In einem R4 überlebt man einen seitlichen Aufprall sicher nicht; jedenfalls konnte man bei voll aufgedrehtem Radio draußen ungefähr so gut hören wie drinnen: Die Lautsprecher in den dünnen Blechtüren lieferten jedenfalls einiges.
Ich weiß gar nicht, ob wir je ihre CDs in meinem Auto gehört haben. Wenn, dann müssten das Rosenstolz und Fury in the Slaughterhouse gewesen sein, eventuell auch noch Lacrimosa und Goethes Erben. (Randnotiz: Was das Aufschreiben alles ausmacht – diese Details fallen mir jetzt zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder ein.)
Irgendwann war der Sommer vorbei. Vielleicht nicht meteorologisch, aber für mich; denn ich musste am 2. August zum Zivildienst. 50 Minuten Autofahrt von zuhause entfernt. Die erste eigene Wohnung, also, eine WG mit einem Freund. Am Abend des 1. August saß ich mit diesem in einer Kneipe in der Nähe unserer neuen Wohnung. Wir stießen auf den Beginn des neuen Lebensabschnitts an.
Es gab irgendwie keinen Plan für die Beziehung, woher auch. Am zweiten Arbeitstag wurde ich krank, eine Viruserkrankung, die häufig durch Stress ausgelöst wird. Und gleich mal zwei Wochen krank geschrieben. Also wieder zurück zu meinen Eltern. Ich habe vergessen, was sie machte; ich glaube sie musste erst im September irgendwo hin. Ich weiß gar nicht, ob sie mich oft besucht hat, als ich bei meinen Eltern den ganzen Tag auf der Couch lag.
Ich weiß nur noch, dass sie am 11. August da war. Es war eher bewölkt, etwas frustrierend. Wir sind im Moment der totalen Sofi kurz vor die Tür gegangen, das Licht war komisch, dann war es auch schon vorbei. Währenddessen standen die Pet Shop Boys wohl irgendwo in England auf einer Wiese und performten ihren Song. Das wußte ich als Fan, auch wenn im deutschen Fernsehen davon nichts zu sehen war.
In meinem Kopf endet die Beziehung da. Gewissermaßen endete sie schon eine Woche vorher, als ich einfach so weggezogen war und außer “wir sehen uns an den Wochenenden” bestimmt nichts zu sagen hatte. Eigentlich waren es sicher noch ein paar Tage mehr. Ich glaube, dass sie sich dann eine Zeitlang nicht mehr gemeldet hatte. Es gab noch ein Treffen, bei dem wir beide ungefragt schon die ein, zwei übrig gebliebenen Habseligkeiten des jeweils anderen mitgebracht hatten. Es war sicher schon September geworden. I Don’t Know What You Want But I Can’t Give It Any More.
Ende September 1999 erschien die nachfolgende Single, New York City Boy. Darauf die eingangs erwähnte B-Seite zur Sofi. Da war meine sechswöchige Beziehung schon sechs Wochen wieder vorbei.
Im Nachhinein hatten diese sechs Wochen im Juni und Juli 1999 etwas zeitloses. Sechs Wochen, was für ein kurzer Zeitraum, vor allem aus der nachträglichen Betrachtung. Aber damals kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Ich habe fast alle Details vergessen. Aber ich weiß, wie ich sie im Kopf behalten habe: Kurze rotbraune Haare, ein ärmelloses Top, dass gelb-blau-braun diagonal gestreift war, eine braune Hose, barfuß, in der Sonne vor dem Haus ihrer Eltern, während ich mit meinem R4 vorfahre.
Bonustrack: Ende November 1999 lernte ich die Frau kennen, für die ich nach Berlin zog. (Sie war während der Sofi übrigens ganz in der Nähe, am Hauptbahnhof meiner Zivildienst-Stadt.) Eine Woche nach unserem Kennenlernen war ich auf einem Konzert der Pet Shop Boys. Die dort gekaufte Tasse ist jetzt in der dritten Beziehung und steht auch heute wieder auf meinem Schreibtisch.
Pingback: Results for week beginning 2012-02-05 « Iron Blogger Berlin
Einen Artikel über die Pet Shop Boys nach einem Songtitel der Sterne benennen? Haben den die Boys keine eigenen guten Titel
?
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