Risikobiografie

Ich bin gerade auf Jobsuche. Oder vielleicht auch nicht; aber das ist auch genau das Problem. Eigentlich bin ich auf Geldsuche. Und ich muss herausfinden, wie dieses Geld zu mir findet und was ich dagegen eintauschen muss.

Einen richtigen Job, so wie man sich das vorstellt, hatte ich nämlich noch nie. Ich habe abwechselnd studiert und selbstständig gearbeitet, mit wechselndem Erfolg.

Erfolg, noch so ein Wort. Also, eigentlich immer mit Erfolg, denn ich musste noch nie Hunger leiden oder ohne Wohnung auskommen. Okay, da gab es mal ein paar Wochen vor einigen Jahren, da hab ich nur Kartoffeln gegessen, weil alles andere zu teuer war, aber das war schon das Schlimmste. Und glücklich war ich auch immer. Insofern ist das doch Erfolg, oder?

Neulich habe ich wieder im Internet gelesen, was Sterbende bereuen. Sie hätten weniger arbeiten sollen und mehr das machen sollen, was sie glücklich gemacht hätte, sagen sie. Bisher habe ich mir da nichts vorzuwerfen; wenn morgen der Grimme Schnitter kommt: Allet schick.

Aber jetzt ist das Geld aus. Also, es war schon öfter mal aus, aber dann kam immer was Neues. Die diversen Studentenjobs, selbstständige Arbeiten, Projekte, Online-Shops, das alles hat eine Zeit lang den Geldbedarf gestillt. Das klappt aber nicht mehr – irgendwie wird das Leben doch teurer, vor allem wenn man aus der studentischen Krankenversicherung herausfällt.

Insofern verkläre ich mir gerade das abhängige Beschäftigtsein als die Lösung und suche nach einer Anstellung. Das wäre doch toll, wenn man Arbeitszeiten hat. Wenn die eigene Arbeit und Freizeit stärker abgegrenzt wären. Wenn man den Heimweg antritt und nicht das Gefühl hat, dass man eigentlich heute noch mehr schaffen sollte.

Thees singt davon, „sein Versagen nicht länger Überzeugung zu nennen“.1

Währenddessen kündigen Bekannte über Facebook an, sie machen sich jetzt nach mehreren Jahren Agenturtätigkeit endlich selbstständig. Gestern hieß es in irgendeiner Zeitung, Selbstständige würden mehr verdienen als Angestellte. Bin ich also mal wieder antizyklisch unterwegs?

Irgendwie weckt sich in mir Widerstand gegen diese geplante Anpassung. Irgendwie gefällt mir die prekäre Rolle des ständigen Scheiterns ja – wenn es denn ein Scheitern ist.

Insofern – wie verkläre ich mir das, jetzt einen „echten Job“ haben zu wollen? Es wird alles sicherer. Ich bin tatsächlich effektiver, wenn mir eine Zeitplanung von außen auferlegt wird. Geld für schöne und leckere Dinge und Reisen ist dann auch da.

Hm. Aktuell ändert sich meine Meinung da noch jeden Tag. Und natürlich ist keine Entscheidung für immer. Alles in allem bleibt das Gefühl, dass nichts von alldem das Gelbe vom Ei ist.

Irgendwie so etwas zwischen Grundeinkommen, halbem festem Job und halbem freiem Job, das müsste doch möglich sein, ohne Sorgen zu haben. Reichtum und Aufstieg, das interessiert mich ja eh nicht.

  1. Tomte – Du bist den ganzen Weg gerannt (Hinter all diesen Fenstern, 2003) []
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2 Kommentare zu Risikobiografie

  1. Zellmi sagt:

    Der Text hat mich sehr angesprochen. Ich bin gerade in einer Situation, die mich in ihren Auswirkungen zu ähnlichen Überlegungen und vor allem zur gleichen Erkenntnis kommen lässt: Ich bin auf Geldsuche. Und auch bei mir spielen die Krankenkassenbeträge dabei eine große Rolle. Ich suche keinen Erfolg, ich suche auch keinen Reichtum. Ich möchte aber ein Dach über dem Kopf haben, nicht den letzten Dreck essen müssen und meinem Wunsch möglichst Nahe kommen, einen kleinen ökologischer Fußabdruck zu haben … und eben krankenversichert sein.
    Aktuelle bin ich selbständig, lebe aber in einer Kommune, die ich jedoch wieder verlassen möchte. Suche ich mir jetzt einen Job? Muss ich erfolgreich sein? Ich hoffe mal nicht.

  2. Pingback: Results for week beginning 2012-01-22 « Iron Blogger Berlin

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